Carey Mulligan (r) als Megan Twohey und Zoe Kazan als Jodi Kantor in einer Szene des Films "She Said"
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Bild: Universal Pictures

Film über #metoo-Enthüllungen - "She said" von Maria Schrader startet in den Kinos

"She Said" von Regisseurin Maria Schrader ist ein Drama um die US-Reporterinnen Megan Twohey und Jodi Kantor, die mit ihren Recherchen zu Harvey Weinstein die "Me Too"-Bewegung ins Rollen brachten. Unsere Filmkritikerin Anke Sterneborg hat mit Maria Schrader über ihren Film gesprochen.

Lange Zeit war Maria Schrader vor allem als Schauspielerin bekannt, in Filmen wie "Aimée und Jaguar", "Rosenstraße" oder der Serie "Deutschland 83, 86 und 89". Doch in den letzten sechs Jahren hat sie als Regisseurin Furore gemacht: mit "Vor der Morgenröte", der Verfilmung der Exilgeschichte von Stefan Zweig, mit der Netflix-Serie "Unorthodox" und mit der klugen Komödie "Ich bin dein Mensch". Der hochkarätig besetzte Thriller "She Said" über die beiden Investigativjournalistinnen der New York Times, die den Harvey Weinstein-Skandal aufgedeckt haben, ist ihr Hollywood-Debüt.

"Warum ist sexuelle Belästigung ein Tabuthema – es ist doch allgegenwärtig? Befragen wir doch das gesamte System!" (Aus dem Film "She Said")

Das sagt die von Patricia Clarkson gespielte Redakteurin der New York Times am Anfang zur Recherche eines Falls, der die Welt verändert hat.

Ein amerikanisches Drehbuch in den Händen einer deutschen Regisseurin

Anfang Oktober 2017 veröffentlichten Jodi Kantor und Megan Twohey dann die Reportage, die den undurchdringlichen Wall des Schweigens sprengen konnte, den Film-Mogul Harvey Weinstein zu Fall brachte und die MeToo-Bewegung auslöste. Zwei Jahre später veröffentlichten sie das Sachbuch "She said" über ihre Recherchen. Dass diese Geschichte jetzt von einer Frau verfilmt wurde, ist nur konsequent.

Aber dass der amerikanische Stoff einer deutschen Regisseurin anvertraut wurde, ist schon etwas Besonderes, weiß Maria Schrader:

"Ich war schon sehr überrascht, dass diese Geschichte auf meinem Schreibtisch landet. Dazu muss ich sagen, dass es sicherlich mit 'Unorthodox' zu tun hat. Nachdem die Serie herauskam und so unerwartet erfolgreich wurde, habe ich mit einigen amerikanischen Produzenten gesprochen und ich hatte auch schon einige Drehbücher bekommen. Aber dass dieses spezielle Drehbuch bei mir landet und die Produzenten im gleichen Zuge sagten: 'Du bist die erste Person, die es bekommt. Wir haben Deine gesamte Arbeit gesehen und wir wollen, dass Du das machst. Und wenn Du das willst, dann hast Du die Regie dafür.' Das war schon extrem speziell. Ich fühlte mich da sehr gemeint und es hat mir natürlich auch das Selbstbewusstsein gegeben – es ist schon auch einschüchternd gewesen."

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"Es ist kein Film über Harvey Weinstein"

Als Schauspielerin, die seit ihrem 16. Lebensjahr im Geschäft ist, hat sie zwar nie das ganz große MeToo-Drama erlebt, kennt aber dennoch die Mechanismen des Machtmissbrauchs.

Maria Schrader: "Klar, ich glaube nicht, dass es irgendeine Frau in meinem Umfeld gibt, die nicht ihre eigenen Erlebnisse, ihre eigenen Geschichten mit sich trägt. Was mich natürlich besonders überzeugt hat, ist diese stringente, konsequente Wahl des Drehbuchs aus der Perspektive der Frauen zu erzählen. Es ist kein Film über Harvey Weinstein."

Ein Thriller über investigative Recherchen, die die Welt verändern – das erinnert an den Klassiker "Die Unbestechlichen" über die Aufdeckung der Watergate-Affäre. Ein Vergleich, dem "She Said" beeindruckend mühelos standhält.

Obwohl der Ausgang bekannt ist, gelingt es auch Maria Schrader, enorme Spannung zu schüren. Anders als die Watergate-Reporter haben es Jodi Kantor und Megan Twohey, gespielt von Zoe Kazan und Carey Mulligan, aber nicht mit einer kleinen Gruppe von Gegnern zu tun, sondern mit einem komplexen System, das die Täter schützt und die Opfer mit Scham in Schach hält.

Ein Thriller über zwei starke Frauen, die hinkriegen, was sie sich vornehmen

"Wie hast Du die Frauen dazu gebracht, Dir zu erzählen, was ihnen passiert ist?"

"Ich glaube, entscheidend war, dass ich sagte, das was ihnen in der Vergangenheit passierte, kann ich nicht ändern. Aber vielleicht können wir gemeinsam helfen, andere Menschen davor zu beschützen. Die Wahrheit, nur die zählt."
(Aus dem Film "She Said")

Ein grundlegender Unterschied zu "Die Unbestechlichen" ist, dass es hier mal nicht die Männer sind, die die Geschichte vorantreiben.

Maria Schrader: "Erstmal ist eine große Lust da, etwas zu machen, was zumindest ich noch nicht gesehen habe: Ein Genre-Film, ein journalistischer Investigativ-Thriller mit zwei Frauen im Zentrum, die auch noch das hinkriegen, was sie sich vornehmen. Wenn man mal an amerikanisches Kino denkt: welcher Film mit zwei gleichstarken, kräftigen Personen kommt einem in den Sinn? Das ist bei mir immer noch 'Thelma & Louise'. Das ist wie viele Dekaden her? Die waren Outlaws und mussten am Schluss sterben. Dass man hier zwei Frauen dabei beobachtet, wie sie ihren Job einfach sehr gut können, ist erstmal eine große Freude."

Unterschiedliche Filme, die dennoch etwas verbindet

Was die sehr unterschiedlichen Filme verbindet, die Maria Schrader seit der Zeruya Shalev-Verfilmung "Liebesleben" inszeniert hat, sind starke, komplexe Frauenfiguren, ein emotionaler Kern und die Verbindung von feiner Intimität und gesellschaftlicher Relevanz.

Maria Schrader: "Etwas, das extrem persönlich, fast intim ist, kollidiert mit Gesellschaft oder hat eine politische Dimension. Das gilt für 'Unorthodox', das gilt für 'She Said' – da gibt es sogar noch viel mehr Parallelen. Das ist ja auch der Grund, warum ich für den Film gefragt wurde. Wenn ich es vielleicht noch ein bisschen grundsätzlicher sagen würde, dann sind es die verschiedenen Themen, eine gewisse Komplexität – und wenn ich mich eventuell anderthalb , vier oder acht Jahre mit einer Geschichte beschäftige, muss sie reich und interessant genug sein, dass ich immer wieder etwas Neues entdecke und dass sie letztlich über die Zeit, die man an Leben mit ihr verbringt, mitwächst."

Ein Beitrag von Anke Sterneborg, rbbKultur

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